"Von Mensch zu Mensch" Auch hierzulande wären mehr lebensrettende Organspenden möglich

Pressemeldung 05.05.2010

 


 

Im Gespräch Univ.-Prof. Dr. Ferdinand Mühlbacher, Vorstand der Wiener Universitätsklinik für Chirurgie und Leiter der Abteilung Transplantation.

 

Rund 1.100 Menschen warten hierzulande auf ein passendes Spenderorgan. Einerseits sterben immer noch zu viele potentielle Empfänger auf der Warteliste, andererseits bleiben viele Chancen ungenützt, indem geeignete Spender im Hirntodstadium nicht erfasst werden. Möglichkeiten zur Verbesserung der Situation werden eines der Hauptthemen beim bevorstehenden, 51. Österreichischen Chirurgenkongress (2. - 4. 6. 2010 im Design-Center-Linz) darstellen. Wir baten dazu den Kongresspräsidenten, Herrn Univ.-Prof. Dr. Ferdinand Mühlbacher, zum Vorab-Interview:

 

Herr Prof. Mühlbacher, wie kann man mehr Menschen die lebensrettende Transplantation ermöglichen?

 

Die Antwort wäre im Grunde einfach: indem man die Zahl der Organspender hebt. Wenngleich die Lebendspende an Bedeutung zunimmt, ist deren Fallzahl insgesamt immer noch gering.

 

Wo sehen Sie da Verbesserungschancen?

 

Derzeit sind wir beim Organspenderaufkommen auf das Engagement einzelner Ärzte angewiesen. Mehr Systematik ließe sich erzielen, wenn wir uns am Beispiel des Europa-Spitzenreiters Spanien orientieren. Dort verfügt landesweit jedes größere Spital über einen so genannten Organspendebeauftragten. Dieser evaluiert in enger Zusammenarbeit mit den Kollegen auf der Intensivstation geeignete Spender und kontaktiert bei Anlass unverzüglich die entsprechenden Fachärzte.

 

Ist Spanien ein Vorbild für Österreich?

 

Durchaus, denn auch wir haben in Österreich mittlerweile 11 solcher In-House-Koordinatoren. Das ist ein guter Anfang. Was noch fehlt, ist eine flächendeckende Versorgung wie in Spanien, sprich eine Institutionalisierung dieser wichtigen Position. Darüber hinaus würde ich mir mehr motivierte Ärzte wünschen, denen eine Steigerung der lebensrettenden Transplantationen ein Anliegen ist.

 

Woran ist der weitere Ausbau bislang gescheitert?

 

Das ÖBIG, also das Österreichische Bundesinstitut für Gesundheit, hat bereits Vorarbeit geleistet und müsste eben jetzt den nächsten Gang einlegen. Konkret: die Bestellung zusätzlicher, koordinierender Organspendebeauftragter. Natürlich im Konsens mit dem ärztlichen Direktor der Klinik.

 

Die Spitäler ringen um finanzielle Mittel. Sehen Sie auch monetäre Grenzen?

 

An budgetären Hindernissen kann es nicht liegen, da diese Position üblicherweise keinen Fulltime-Job erfordert. In den meisten Fällen genügt eine Teilzeitverpflichtung.

 

Wie rechnet sich das konkret?

 

Ich gebe Ihnen gerne ein Beispiel: Die Kosten für einen schwer Nierenkranken, der auf die dreimal wöchentliche Dialyse angewiesen ist, belaufen sich auf 60.000-70.000 Euro pro Jahr. Verglichen damit schlägt sich eine Nierentransplantation mit rund 45.000 Euro plus jährlich 5.000 -10.000 Euro an Medikamenten und Nachbehandlungskosten zu Buche.  Somit beträgt die budgetäre Entlastung bereits ab dem zweiten Jahr rund 50.000 - 60.000 Euro und das pro Betroffenem. Am Geld kann es daher wohl nicht scheitern. Davon abgesehen gibt es im Zusammenhang mit Organspenden wohl ganz andere, menschliche Aspekte, die weit übers Finanzielle hinausgehen.

 

Welchen Bereich sprechen Sie da konkret an?

 

Einen, der mir persönlich sehr am Herzen liegt, nämlich die gesteigerte Lebenserwartung. Heute hat ein gesunder Dreißigjähriger eine Lebenserwartung von weiteren 47 Jahren. Diese ist bei einem gleichaltrigen, schwer Nierenkranken auf 24 Jahre und somit auf die Hälfte herabgesetzt. Im Vergleich dazu erlebt laut Statistik des Österreichischen Transplantationsregisters ein Dreißigjähriger mit transplantierter Niere weitere 38 Jahre, ganz zu schweigen von der erheblich besseren Lebensqualität im Vergleich zum Dialysepatienten. Allein diese Werte sollten uns zu denken geben. Ein gespendetes Organ ist wohl der größte Dienst, den der Mensch seinem Mitmenschen erweisen kann.

 

Prim. Univ.-Prof. Dr. Ferdinand Mühlbacher ist Vorstand der Wiener Universitätsklinik für Chirurgie und Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Chirurgie (2009/10).

 

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Mag. Karin Hönig-Robier
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